8 Glieder des Yoga

Nur durch eine angemessene Anstrengung

kannst du deine inneren Makel auflösen. 

Willst du vollkommenen Frieden des Geistes erlangen,

so entwickle innere Stärke und befreie dich vom Stolz.

Sei aufrichtig, freundlich und sanftmütig.

Löse dich von der Gier des Habenwollens,

entwickle tiefe Zufriedenheit

und eine natürliche Bedürfnislosigkeit.

Lege alle übermäßige Geschäftigkeit ab,

halte deinen Geist still und klar.

Vergehe dich auch im Kleinsten nicht.

Wünsche allen Lebewesen ohne Ausnahme Glück,

ob schwach oder stark, groß oder klein,

ob sichtbar oder unsichtbar, nah oder fern,

geboren oder noch Geburt suchend.

Umfange sie alle mit Liebe und Mitgefühl.

Sei zu ihnen wie eine Mutter,

die ihr einziges Kind

mit ihrem Leben behütet und beschützt.

Wecke einen allumfassenden Geist der Liebe,

der in alle Richtungen – oben, unten und ringsum – offen ist.

Bewahre dieses weite, liebevolle Gewahrsein

im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen,

überall und zu jeder Zeit.

 

Patanjali schlägt in seinen Yoga Sutras acht Schritte in die Freiheit vor, die ich hier in kurzer Form beschreiben will.

 

YAMA

aufrichtiger, herzlicher Umgang mit den fühlenden Wesen

Die Wurzel yam in Yama bedeutet ‚halten, zügeln, lenken, meistern, in Ordnung bringen‘. 

Der Begriff Yama steht für unser Verhalten gegenüber der Welt und den Wesen darin. Wir sollten eine vollkommen reine ethische Ausrichtung entwickeln und in der Kommunikation mit den fühlenden Wesen freundschaftlich und edelmütig sein. Körper, Rede und Geist werden so gelenkt, gemeistert und in Ordnung gebracht, dass wir alles Negative, Verletzende und Achtlose in unserem Verhalten aufgeben und immer feinfühliger auf Menschen und Tiere reagieren. Wir verstehen, dass sich unser Verhalten im Kreis unserer Verwandten und Freunde, in der Gesellschaft und im gesamten All widerspiegelt. Da wir mit allem verwoben und verbunden sind, schlägt sich jede geistige Regung, jedes Wort und jede körperliche Handlung, selbst die scheinbar unbedeutendste, im gesamten Universum nieder. Je mehr wir dies erkennen, desto mehr fühlen wir eine universelle Verantwortung. Diese ethische Ausrichtung hat einen sehr hohen Wert.

 

NIYAMA

aufrichtiger, herzlicher Umgang mit sich selbst

Die Silben ni-yam bedeuten ‚anhalten, einfangen, befestigen, regelmäßig vollbringen‘.

Niyama bezeichnet die innere Haltung, die wir uns selbst gegenüber entwickeln. Auch mit uns selbst gehen wir in gewisser Weise dualistisch um und beurteilen uns mit den Mustern der Anhaftung, Ablehnung und Gleichgültigkeit. Wir sollten mit unserem Körper und unserer Psyche genauso freundschaftlich und edelmütig umgehen wie mit den fühlenden Wesen. Wie tun wir dies?  Indem wir uns für die tieferen Bedürfnisse von Körper und Psyche öffnen und auf sie hören. Wenn wir dies tun, werden wir uns selbst gegenüber feinfühliger und können allmählich alles Negative, Verletzende und Achtlose in unserem Verhalten aufgeben.

 

ASANA

Arbeit mit der Körperhaltung

Asana bedeutet Haltung und stammt von der Sanskrit-Wurzel as, was ‚bleiben, sein, sitzen‘ bedeutet.

Patanjali schreibt in den Yogasutras, dass die Haltung Sthira und Sukha haben sollte. Sthira bedeutet Festigkeit, Stabilität und Sukha bedeutet Leichtigkeit, Lockerheit. Wie verbindet man diese beiden Aspekte? Indem man sich in der Energiemitte des Körpers sammelt, die sich vier Fingerbreit unterhalb des Nabels mitten im Bauch befindet. Wenn man dort zentriert ist, sitzt man ganz stabil und gleichzeitig entspannt und locker. Diese zentrierte Sammlung sollte man auch im Stehen, Gehen und Liegen bewahren.

Sitze wie ein Berg, stehe wie ein Berg, gehe wie ein Berg, liege wie ein Berg. Ein Berg hat eine breite Basis, der Gipfel ragt in den Himmel und ist mit Schnee bedeckt, im Berg glüht ein Vulkan. In jeder Haltung hast du eine breite Basis, einen warmen energievollen Bauch, und dein Kopf ist kühl und klar. 

Asana bedeutet auch den Affen des Geistes, der überall herumspringt, an die Körperhaltung zu binden. Übe dich in allen Haltungen wie ein Berg zu sein und lasse deinen Geist beim Körper und bei der Atmung verweilen. Wenn du darin geübt bist, wirst du immer und überall in Sammlung und innerer Ruhe verweilen.

 

PRANAYAMA

Arbeit mit der Atmung und der subtilen Lebensenergie

Pranayama: prana bedeutet ‚das, was ununterbrochen überall ist‘ und ayama heißt ‚strecken, ausdehnen‘.

Pranayama wird oft nahezu ausschließlich als Atemübung verstanden. Doch der Atem ist nur ein Aspekt. In der Meditation und auch bei den Yogaübungen spielt der Atem eine große Rolle. Er öffnet uns für die universelle Lebensenergie und bringt sie im Körper ins Fließen. Durch Meditation auf den Atem sammeln wir unseren Geist, durch Atemübungen lösen wir Schlacken und Blockaden und entwickeln lebendige, frische und glückliche Energie im Körper.

Oft halten wir Energie zurück. In der Praxis jedoch werden wir stabil, wenn wir Energie ausdehnen und uns mit dem universellen Prana verbinden. Fließt Prana stark und ungehindert in unserem Körper, so sind wir gesund und gleichzeitig sehr stabil. Wenn wir glücklich und kraftvoll leben wollen, müssen wir lernen Prana auszudehnen. Lebendige Ruhe entsteht, wenn wir uns öffnen und weit werden. Diese Ruhe ist unendlich dynamisch und hat grenzenlose Kraft. Tote Ruhe ist wie eine Sackgasse, sie lähmt und macht kraftlos. Wenn die Energien ungehindert fließen, sind wir gelassen und entspannt und fühlen uns frei und glücklich. 

Yogis sehen, wenn sie weit entwickelt sind, Prana als universellen, wunderbar feinen Baustoff, der alles durchwebt. Sie nehmen Prana als den Baumeister des ganzen Universums wahr. Das ganze wunderbare Reich des Lebens entsteht aus Prana. Voller Entzücken sehen sie, dass Alles von dieser reinen Energie durchwoben ist, selbst das Schlimmste und Schreckliche. Pandit Gopi Krishna sagt: „Prana existiert Seite an Seite mit dem Universum, das wir sehen, ist in unsere Gedanken und Taten verwoben, durchdringt die Atome und Moleküle der Materie. Es strahlt mit dem Licht, bewegt sich mit dem Wind und den Fluten. Es ist wunderbar fein und beweglich, der Stoff unserer Phantasien und Träume, das Lebensprinzip der Schöpfung, das unentwirrbar verknüpft ist mit unserem Wesen.“

 

PRATYAHARA

den Geist von weltlicher Verwicklung lösen

Pratyahara bedeutet ‚Zerstreuung durchschneiden‘ und auch ‚sich zurückziehen von dem, was Zerstreuung nährt‘.

Das bedeutet nicht, seine Sinne zu verschließen und nach innen zu gehen. Die Begegnung der Sinnesorgane und des jeweiligen Sinnesbewusstseins mit dem wahrgenommenen Objekt ist der Moment der Praxis. Die Begegnung der Augen und des Sehbewusstseins mit dem Gesehenen, die Begegnung der Ohren und des Hörbewusstseins mit dem Gehörten und so fort. Gewöhnlich bleiben wir nicht bei uns, sondern sind als Subjekt auf die wahrgenommenen Objekte fixiert. Wir sehen etwas Schönes und werden gierig, wir sehen etwas Abstoßendes und lehnen ab, wir sehen etwas Neutrales und verhalten uns gleichgültig. Bei jeder Wahrnehmung geraten wir in Verwicklung mit dem wahrgenommenen Objekt. Der Kontakt mit den Sinnesobjekten ist unser Lehrmeister. Die Welt selber ist ein großer Lehrmeister, wenn wir Gewahrsein einführen. Gewahrsein heißt, bleib bei dir. Sieh wie du reagierst und verwickle dich nicht. Halte deinen Geist wie einen Spiegel.

Wenn unser Geist in sich selbst zur Ruhe kommt, und wir bei uns bleiben, ohne uns zu verschließen, dann fällt unser Hunger und Durst nach immer neuen Sinneserfahrungen allmählich von uns ab. Wir sehen: Alles ist in mir. Dadurch werden wir ganz von selbst frei, weil wir den richtigen Punkt erwischen und uns nicht länger mit allem und jedem verwickeln. Glück scheint auf, sobald wir frei von Verwicklung einfach absichtslos bei uns selbst bleiben. 

„Wie schwer ist es den Geist zu zähmen.

Zu recht ist er mit einem verrückt gewordenen Affen verglichen worden.

Es war einmal ein Affe, der wie alle Affen von Natur aus ruhelos war. Ein Mensch gab ihm Wein zu trinken bis er betrunken war, was ihn noch unruhiger machte. Dann wurde er von einem Skorpion gestochen. Wenn ein Mensch von einem Skorpion gestochen wird, springt er den ganzen Tag lang umher. Der arme Affe befand sich in einem Zustand, der schlimmer als alles zuvor Erlebte war. Zu allem Überfluss trat auch noch ein Dämon in ihn ein. Mit welchen Worten könnte man jemals die unkontrollierbare Ruhelosigkeit dieses Affen beschreiben!

Der getäuschte menschliche Geist ist wie dieser Affe. Von Natur aus ist er unaufhörlich geschäftig. Dann wird er betrunken vom Wein der Begierde, wodurch seine Ruhelosigkeit noch größer wird. Wie er von Gier besessen ist, sticht diesen Menschen der Skorpion des Neides über den Erfolg der anderen. Und dann tritt auch noch der Dämon des Stolzes in ihn ein, und er hält sich für den Allerwichtigsten.

Wie schwierig ist es, solch einen Geist zu zähmen!“

Vivekananda

 

DHARANA

den Geist sammeln

Dhar heißt ‚halten, tragen‘ und Dharana bedeutet die Konzentration halten, einsgerichtet verweilen.

In der Meditation und auch während der Yogaübungen lassen wir den Geist einsgerichtet beim Körper und bei der Atmung verweilen. Wir üben uns in der Sammlung auf äußere Gegenstände und sammeln uns auch auf innere Vorstellungen.

Indem wir den Geist auf ein Objekt ausrichten, trainieren wir ihn darin, das Kreisen in Gedankenketten loszulassen. Wir lassen alles andere los und verweilen gesammelt. Wenn sich der Geist in der Zerstreuung verliert, bringen wir ihn einfach zum Objekt der Sammlung zurück.

Dharana ist der Stock der Methode, mit dem wir das Feuer des Gewahrseins schüren. Wir benutzen diesen Stock der Methode so lange bis das Feuer des Gewahrseins gut brennt. Wenn es lichterloh brennt, halten wir ihn nicht weiterhin fest, sondern lassen ihn im Feuer verbrennen. Dann verweilen wir ohne Objekt und ohne Methode ganz natürlich im offenen, ursprünglichen Gewahrsein.

 

DHYANA

frei von Anhaftung und Ablehnung gelöst verweilen

Dhyana kommt von dhay, was ‚hinblicken, wahrnehmen, denken‘ bedeutet. Aus dem Sanskritwort Dhyana wurde in China Ch‘anna, das dann zu Ch‘an verkürzt und in Japan zu Zen wurde

Wir sitzen einfach und üben uns darin, die Faust der Gedanken zu öffnen, indem wir nicht greifen, nicht ablehnen und auch nicht gleichgültig sind. Jeder Gedanke wird zugelassen, aber wir hängen keinen zweiten, geschweige denn einen dritten, vierten und so fort an. Das heißt wir schneiden das Kreisen des Geistes in Gedankenketten, in unseren fortwährenden inneren Selbstgesprächen. Immer wenn wir uns in Gedanken verlieren, machen wir innerlich eine Faust. Wir halten Dinge mittels Gedanken fest. Ein Gedanke an sich ist nichts als solches, er erscheint und im Erscheinen löst er sich schon wieder auf. Doch im getäuschten Geist folgt unaufhörlich ein Gedanke dem andern. Denken können wir endlos und so sehr, dass wir oft nicht einmal mehr richtig fühlen können. Doch das Kreisen der Gedanken loslassen und im offenen, absichtslosen Gewahrsein verweilen, das können wir nicht.

Ein wichtiger Aspekt von Dhyana ist, die drei Zeiten zu schneiden. Erstens lassen wir das Kreisen der Gedanken um die Vergangenheit los. Die meisten unserer Gedanken kreisen um vergangene Dinge. Doch die Vergangenheit ist unwiderruflich vergangen, sie wird nie und nimmer wiederkommen, und wir können Geschehenes nicht ändern, deshalb lassen wir die Vergangenheit los. Zweitens lassen wir das Kreisen der Gedanken um die Zukunft los, denn die Zukunft kommt immer später. Sich um etwas zu sorgen, was noch gar nicht da ist, macht wenig Sinn. ‚Ich hatte viele Probleme, aber die meisten sind nie eingetreten.’ Das ist genau das Problem des Kreisens der Gedanken um die Zukunft. Drittens machen wir aus der Gegenwart kein Objekt. Wenn die Vergangenheit vergangen ist, die Zukunft immer erst später kommt, und die Gegenwart kein greifbares Objekt ist, was bleibt uns dann? Einfach nur hier und jetzt. Darum heißt es: Gehe auf im lichtklaren Gewahrsein der Gegenwart. Verweile Augenblick für Augenblick in diesem Augenblick. Bisher kannten wir nur die Verwicklung in die Muster der Täuschung. Wenn wir offen und absichtslos verweilen, frei von Erwartungen und Befürchtungen, lösen wir uns allmählich von allen Verwicklungen und verweilen ganz natürlich, ganz einfach, ganz offen und vollkommen frei.

 

SAMADHI

aufgehen im reinen, zeitlosen Gewahrsein

Samadhi wird aus sama und dha gebildet, was ‚vereinigen, verbinden‘ bedeutet.

Samadhi kann man nicht trainieren. Es ist die Frucht des Trainings. Tief schlafen kann man nur, wenn man die Welt und sich selbst vollkommen vergisst. Niemand hat es je geschafft willentlich und bewusst einzuschlafen. Genauso verhält es sich mit Samadhi, das ein spontaner Zustand ist, ein Zustand der Selbstvergessenheit, in dem man frei von allen dualistischen Vorstellungen in ursprünglicher, natürlicher Einfachheit verweilt, im reinen, zeitlosen Gewahrsein, das nicht geboren wurde und folglich auch nicht stirbt.

In diesem offenen, nicht-konditionierten Zustand fühlt sich der Geist vollkommen frei und glücklich, weit und friedvoll. Er erkennt sein wahres Zuhause, aus dem er nie verstoßen werden kann, selbst vom Tode nicht. Diese Erfahrung ist mit Worten nicht zu beschreiben, sie übersteigt bei weitem alles, was wir in unserer gewöhnlichen dualistischen Wahrnehmung erleben.